Statements zur aktuellen Situation aus Israel und Palästina

Mauer-Israel-Palästina

Angesichts der jüngsten Eskalation der Gewalt im Nahostkonflikt möchten wir vom Versöhnungsbund einige alternative Stimmen von Betroffenen aus der Region hörbar machen, die in unseren Medien normaler Weise nicht vorkommen. Viele davon sind Freund*innen und Bekannte, die wie wir seit langem für einen gerechten Frieden und ein Ende der Besatzung durch aktive Gewaltfreiheit eintreten. Einige der genannten Organisationen wollen wir im Zuge unserer geplanten „Friedenspilgerreise“ nach Palästina und Israel (22. Oktober bis 1. November 2021) besuchen, um einen vielseitigen Blick auf die Ursachen der Gewalt und Schritte zu ihrer Überwindung gewinnen zu können.

Mauer-Israel-Palästina

Dr. Abed Schokry, Gaza City, am 16. Mai 2021:

„In mir wächst die Wut, die Unruhe, die Trauer und die Ohnmacht bzw. die Hilflosigkeit. (…) Wir werden so dargestellt als wären wir die Schuldigen. Wir, die eingesperrten Einwohner*innen in Gaza. Wir, die wir fast 70% Arbeitslosigkeit haben, in jedem Lebensbereich (Wasser, Strom usw.) auf das „Wohlwollen“ der Besatzer angewiesen sind. Das ist es, was mich sehr bedrückt und mich ohnmächtig macht. (…) Ich hoffe so sehr, dass meine Familie, dass wir alle in Gaza die unfassbare Übermacht des israelischen Militärs überleben. Ich wünsche allen Menschen, auch den friedlichen Menschen in Israel, dass wir alle im Anderen, in unserem Gegenüber, den Menschen erkennen, der nichts anderes will als in Frieden mit seiner Familie ein normales Leben zu leben.“

Quelle: https://cafepalestine.ch/index.php/58-dokumente/347-dr-abed-schokry-gaza

Dr. Abed Schokry studierte und lebte lange in Deutschland, bevor er 2007 nach Gaza zurückkehrte. Von dort schreibt er immer wieder offene Briefe an seine Bekannten, in denen er über die Lebensumstände in Gaza berichtet.

Kairos Palestine, Beit Sahour, am 14.5.21: A Call to the Holy See (Vatican), the World Council of Churches and Church Leaders Worldwide for Solidarity and Action

„Kairos Palestine bekräftigt seine Position, dass Jerusalem eine heilige Stadt für alle monotheistischen Religionen ist, und dass alle die Freiheit der Religionsausübung beanspruchen dürfen. Wir bekräftigen auch unsere Position in Hinblick auf unsere israelischen Nachbar*innen: „Unsere und ihre Zukunft sind eins. Entweder der Kreislauf der Gewalt, der uns beide zerstört, oder Frieden, der beiden zugute kommt. Wir appellieren an Israel, sein Unrecht uns gegenüber zu beenden, und nicht die Wahrheit der Realität der Besatzung zu verdrehen, indem es vorgibt, es sei ein Kampf gegen Terrorismus. Die Wurzeln des ‚Terrorismus‘ liegen in begangenem menschlichen Unrecht und im Übel der Besatzung.“

Quelle: https://www.kairospalestine.ps/images/kairos-palestine-call-for-world-solidarity.pdf

Kairos Palestine als breite palästinensisch-christliche, ökumenische und gewaltfreie Bewegung entstand 2009 mit dem Aufruf „A Moment of Truth“, der von allen anerkannten palästinensisch-christlichen Organisationen unterzeichnet und von den Kirchenführern in Jerusalem unterstützt wurde.

Other Voice, Residents of Gaza Border Region/Sderot, im Mai 21:

„Bibi [PM Benjamin Netanjahu] and Gantz [Benny, Verteidigungsminister]! Beendet diesen unnötigen und sinnlosen Krieg!
Wir, Bewohner*innen der Grenzregion zu Gaza, appellieren an Sie, unser andauerndes Leiden und das Inferno, das Sie über den Menschen im Gazastreifen entfesselt haben, zu beenden.
Das ist nicht unser Krieg!
Gaza in die Steinzeit zurückzusetzen – nicht in unserem Namen und nicht unseretwegen.
(Zu viele) Israelis zu sehen, die das Vergießen von Blut von Kindern in Gaza feiern – nicht in unserem Namen, nicht für unsere Sicherheit.
Sie sind keine ‚Beschützer der Mauern‘. Sie setzen das Errichten von Mauern des Hasses und der Verzweiflung fort.
Tun Sie, was sie schon vor Jahren hätten tun sollen – treten Sie in Verhandlungen mit dem Feind und schaffen Sie langfristige Abkommen.
Es ist möglich. Es gibt ein Bedürfnis nach wirklichem politischen Willen dazu, nach Bestimmtheit und Mut – der Führung – die alten Paradigmen zu durchbrechen und die Richtung zu ändern. Das Schiff ist am Sinken und wir alle werden in einem Meer tiefer, endloser Gewalt ertränkt.
Unterzeichnet von Bewohner*innen der Grenzregion zu Gaza, die diesen anhaltenden Alptraum nicht mehr ertragen können, der beiderseits der Grenze passiert.“

Quelle: http://zope.gush-shalom.org/home/en/events/1464389870

Rabbis for Human Rights (RHR), Presseaussendung, am 12. Mai 2021:

„Über 100 Rabbiner*innen und Rabbi-Student*innen schlossen sich dem Aufruf von Rabbis for Human Rights an die israelische Regierung, deren Minister*innen, jüdische, muslimische und christliche religiöse Führer*innen an: ‚Wir alle, Jüdinnen und Juden, Palästinenserinnen und Palästinenser, leben in diesem heiligen Land und werden das weiterhin tun, Seite an Seite, sogar nachdem dieser sinnlose Kreislauf der Gewalt aufgehört hat. Wir rufen die religiösen Führer*innen in Israel – jüdische, muslimische und christliche – dazu auf, auf das Schüren der Flammen der Gewalt zu verzichten und durch ihre Botschaften nicht noch mehr Feindschaft und Blutvergießen anzufachen, sondern vielmehr zu Versöhnung und Frieden aufzurufen.“

Quelle: https://www.facebook.com/RabbisForHumanRights

RHR, gegründet 1988, besteht aus Rabbiner*innen aus dem gesamten Spektrum rabbinischer Bewegungen und arbeitet für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit.

Mesarvot, Refusing to Serve the Occupation, im Mai 2021:

„Innerhalb Israels gibt es Aufruhr und Angriffe auf Geschäfte, Häuser und Menschen. Einige Geschäftslokale in gemischten Städten hatten keine andere Wahl als zuzusperren, weil sie die Zerstörung ihres Eigentums befürchteten: wir stehen am Rande eines Bürgerkriegs. Die israelischen Medien dienen dem Hass und berichten nichts über die Solidaritätsproteste, die von Palästinenserinnen und Jüdinnen gemeinsam organisiert werden. Die Polizei nimmt mit Gewalt Palästinenser*innen, einschließlich Minderjähriger, fest, während sie fast nichts tut, um Angriffe extrem Rechter zu stoppen.
Wir werden nicht an Militäroperationen und Kriegen teilnehmen, die uns nichts als Tod im Namen einer archaischen, nationalistischen Agenda bringen. Wir werden keine Waffe tragen, keinen Knopf drücken, keine Uniform anziehen, die Tod bringt und Familien zerreißt, Nicht mit 18 Jahren, nicht später. Dieses Land versinkt im Blut.“

Quelle: https://www.refuser.org/refuser-updates

Mesarvot ist ein israelisches Unterstützungsnetzwerk für Wehrdienstverweigerer*innen in der IDF.

Combatants for Peace, 15. und 17.5.2021:

„Als ehemalige Kämpfer*innen, die wissen, dass Gewalt nur zu mehr Gewalt führt, Tod nur mehr Tod hervorruft, und Hass nur mehr Hass erzeugt, rufen wir zu einem sofortigen Ende der Gewalt auf! Aber jeder Aufruf zur Beendigung von Gewalt ohne gleichzeitige Bemühung, die Umstände zu ändern, die dazu führen, wird nur zu einer weiteren Runde von Gewalt führen. Wir betonen daher die Notwendigkeit, die israelische Besatzung in all ihren Erscheinungsformen zu beenden, für eine nachhaltige Partnerschaft zwischen den Nationen in der Region zu arbeiten und einen Horizont der Hoffnung für alle, die hier zwischen dem Fluss [Jordan] und dem [Mittel]Meer leben, zu eröffnen.
Am Samstag haben wir der Nakba gedacht. Wir bereiteten gemeinsam – Palästinenser*innen und Israelis – die Zeremonie vor, um der andauernden Katastrophe [Nakba] des palästinensischen Volkes zu gedenken. (…) Nur wenn wir aufhören zu kämpfen, können wir aufhören zu hassen. Nur wenn wir aufhören zu hassen, können wir beginnen zuzuhören und zu verstehen. Nur wenn wir zuhören und verstehen, können wir die Probleme lösen. Wenn wir beginnen, Probleme mit gewaltfreien Mitteln zu lösen, können wir Frieden erreichen.“

Quelle: https://www.facebook.com/c4peace/

Combatants for Peace ist eine israelisch-palästinensische Bewegung ehemaliger Soldatinnen und Kämpferinnen, die sowohl in Israel wie in Palästina aktiv ist.

Neve Shalom – Wahat al Salam (Oase des Friedens), School for Peace, 16. Mai 2021:

„Ein weiterer Faktor der jetzigen Gewalt ist das Verhalten des Militärs gegenüber Palästinenser*innen in der Altstadt von Jerusalem und im Wohnviertel Sheikh Jarrah in Ostjerusalem. (…) Wir erleben ungleiche Behandlung in den Medien; die Bandbreite der gehörten Stimmen ist zu schmal; jüdisch-arabische Stimmen, die gemeinsam zu Gleichbehandlung aufrufen, werden nicht gesendet. Stattdessen wird die Bühne denen überlassen, die den Opfern die Schuld zuweisen und der Unfähigkeit einer Regierung zu einer Vision, einer politischen Lösung bzw. ihrer Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, Legitimität verliehen. Unsere Stimme, die zu einer Zivilgesellschaft mit gleichen Rechten und zur Koexistenz aufruft, wird zum Schweigen gebracht.“

Quelle: http://palaestina-portal.eu/2021_05_17.html

Neve Shalom – Wahat al Salam ist ein Dorf, das in den 1970er Jahren von jüdischen und arabischen Israelis gegründet wurde und v.a. Bildungsprogramme (Schule des Friedens) anbietet.

Hand in Hand School, Newsletter, 14.5.2021

„In ganz Israel erleben wir schwierige und angstmachende Tage. Unser Gefühl von persönlicher Sicherheit wird untergraben, während sich unsere Straßen mit Gewalt, Rassismus, Hass und Angst füllen. (…) An mehreren Tagen in dieser Woche hat Hand in Hand geholfen, Tausende in Jerusalem, Galiläa, Jaffa, Kfar Saba, Haifa und Kafr Qasim zu versammeln, um gegen die eskalierende Gewalt zu protestieren und eine klare Botschaft zu verkünden: ‚Sicherheit und Gleichheit für alle.‘ (…) Die Mitglieder der Hand in Hand Gemeinschaft in ganz Israel sind der Beweis, dass Araberinnen und Jüdinnen in Gleichheit und Partnerschaft leben können. Diese Möglichkeit in Israel zu verwirklichen ist unser Ziel, und wir arbeiten mehr als je zuvor dafür.“

Quelle: https://handinhandk12.org/may-2021-statement-2/

Hand in Hand arbeitet seit 1997 durch ein Netzwerk von zweisprachigen, integrierten Schulen und Gemeinschaften an sieben Orten für Inklusion und Gleichheit zwischen arabischen und jüdischen Bürger*innen Israels.


Zusammengefasst und tw. aus dem Englischen übersetzt von Pete Hämmerle