Solidaritätsreise Kolumbien 2012 Martin Franke

Ein Dorf widersteht der Gewalt

Besuch in der Friedensgemeinde San José de Apartadó im Norden Kolumbiens

Martin Franke,

Martin France

Teilnehmer der Solidaritätsreise
des Versöhnungsbundes im Februar 2012

 

In der Mittagshitze zerreißt das Donnern eines Militärhubschraubers das Gespräch. Vom Wasserreservoir aus, einem der höchsten Punkte in der Friedensgemeinde San José de Apartadó im Nordwesten Kolumbiens, zeigt ein Bauer erste braune Risse im tropischen Bergwald gegenüber: „Dort machen sie Probebohrungen“, sagt er. Seine Stimme zittert – vielleicht wegen des bedrohlichen Knatterns in der Luft, vielleicht, weil der Abbau der Kohle für seine Kollegen im Dorf La Esperanza Angst vor neuer Gewalt bedeutet.
Seit 15 Jahren trotzen die BewohnerInnen der Vertreibung. „Vorher dachten wir individualistisch: Wenn der Krieg kommt, gehen wir“, erzählt Berta (49), einzige Frau im Rat der Friedensgemeinde. „Aber alle gemeinsam können sie nicht vertreiben: 1997 haben wir uns zusammengeschlossen.“ Seit der Ausrufung der Friedensgemeinde ist diese neutrale Zone im Konfliktgebiet Urabá auf elf Dörfer gewachsen. Ihre wichtigsten Regeln lauten: keine Zusammenarbeit mit den Konfliktparteien, keine Waffen und weder Drogen noch Alkohol.
„Wir haben keine Alternative“ – dreimal wiederholt Bertas Kollege Javier, Landwirtschaftsbeauftragter der Friedensgemeinde, diesen Satz. „Eingekesselt von den Militärs, der Guerilla und den Paramilitärs – sie wollen uns Angst machen, damit wir gehen.“ In seiner Stimme mischen sich Mut und Verzweiflung. Nur eines glaubt hier niemand: dass Waffen sie schützen könnten. „Waffen sind gemacht, um Menschen zu töten, nicht um Leben zu erhalten“, sagt die einundsechzigjährige Dorflehrerin Brigida.
Bedroht sind diese Bauern nahe der Grenze zu Panama an jedem Tag. Guerilleros und Militärs betreten widerrechtlich das Gebiet der Friedensgemeinde; Paramilitärs streifen durch das Umland: Gegründet als bewaffnete Selbsthilfetruppe der Grundbesitzer gegen die linke Guerilla arbeiten sie vielfältig mit Militär und Staat zusammen. Alle wollen Macht demonstrieren und Menschen einschüchtern; keine Seite will Schwäche zeigen.
„Wir sind die größten Pazifisten in Kolumbien: Wir wollen Frieden im gesamten Land“, sagt ein Militär der 17. Brigade, die auch das Gebiet der Friedensgemeinde sichern soll. Welchen Frieden? Die Hoffnung, mit der die Familien hier ihr Land bestellen, ist eine andere als diejenige der Regierung im fernen Bogotá: „Entwicklung“ nennt Präsident Juan Manuel Santos den Ausbau einer Exportwirtschaft und die Ausbeutung von Kohle und Gold des bodenschatzreichen Kolumbiens. „Sechs Millionen Hektar sind in den vergangenen zehn Jahren für den Bergbau freigegeben worden“, berichtet Liliana Romero vom Anwälte-Netz Cajar, welches die Opfer vertritt. Dafür müssten noch viele Dörfer geräumt werden – notfalls durch Gewalt und Schrecken.

Die Gewalt hinterlässt Spuren in den Seelen: „Auf ihren Bildern malen Kinder nicht den tropischen Urwald, nicht die Holzhütten ihres Dorfes, Hühner und Pferde“, zeigt Brigida. „Sie malen die Hubschrauber am Himmel…“ „Wir sind hier nur, weil ihr auch da seid“, ergänzt eine Schülerin. „Ihr“ – das sind die internationalen BegleiterInnen aus dem Ausland, geschult vom Versöhnungsbund, Peace Brigades International oder den Palomas aus Italien. Junge Pazifistinnen und Pazifisten, die glauben, dass Hass und Gewalt zu überwinden sind, dass Kolumbien auch nach 60 Jahren Bürgerkrieg zu gerechteren Lösungen kommen kann – und dass man ohne Waffen leben kann. Was tun die unbewaffneten BegleiterInnen? Sie sind da, sehen hin, hören zu und berichten: an staatliche Stellen und an die Weltgesellschaft. Via Internet wissen Menschen in ihren Heimatstaaten, was in der Friedensgemeinde vor sich geht. Die BegleiterInnen haben die Friedensgemeinde bekannt gemacht. Es ist diese Bekanntheit, welche die BewohnerInnen schützt: Mit den internationalen Freiwilligen gehen sie von Dorf zu Dorf oder zum Krankenhaus in der Stadt. Die BegleiterInnen werden respektiert – und die Menschen in ihrer Nähe auch. Zu sehr sind alle Seiten um ihr internationales Ansehen bemüht.

Wieder und wieder erzählen die DorfbewohnerInnen, wie ihnen Angst gemacht wird: von den Menschen, die mit einem halben Gesicht oder herausgeschnittenem Herzen gefunden wurden; von dem Bauern, der sein Schwein auf den Weg zurückholen wollte und die Landmine nicht überlebte. Beim Massaker 2005 wurden fünf Erwachsene und drei Kinder grausam niedergemetzelt. Hier oben ist der bewaffnete Konflikt nicht zu Ende. Nach und nach wird die Bedeutung der Gedenkstätte für die Ermordeten und der Schreckensgeschichten erkennbar, die Berta, Brigida, Javier und die anderen in den Hütten erzählen: Die Erinnerung hält sie zusammen. Im Erzählen schaffen sie sich eine gemeinsame Geschichte, die ihnen vielleicht die Zukunft öffnet. „Die Erinnerung lässt uns ausharren; sie ist die Batterie der Friedensgemeinde“, sagt Brigida.
Im gut gesicherten Botschaftsviertel Bogotás hingegen beendet EU-Sprecher Carlo Natale ungeduldig die Berichte aus San José de Apartadó: „Wir sind uns der Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien bewusst.“ Er weiß, dass über vier Millionen Menschen, fast ein Zehntel der Bevölkerung Kolumbiens, vertrieben sind.

Aber soll das ein Freihandelsabkommen stören, mit dem die EU Firmeninvestitionen absichern will? Das energiehungrige Europa braucht Kolumbiens Kohle, wo sie verstromt wird – zum Beispiel im Kraftwerk Staudinger in Großkrotzenburg am Main.
Drei Kinder spielen in der Abendsonne Ball. Brigida summt das Lied der Friedenskommune: „Vamos todos adelante – Lasst uns alle aufbrechen, mit Zuwendung und viel Liebe, mit den Deinen und den Unsrigen, und mit aller Menschlichkeit.“ Der Bürgerkrieg ist nicht zu Ende – aber genauso wenig der Traum vom Frieden, vom Leben im eigenen Dorf, von Kakao, Maniok und den Früchten des Regenwaldes. Es ist diese Hoffnung, Konflikte ohne Gewalt zu lösen, welche die Friedensgemeinde über ihr Gebiet hinaus bedeutsam macht: für das vom Bürgerkrieg geschüttelte Kolumbien – und für die Länder, in denen die Kohle verbraucht wird, die hier gefördert werden soll.

 

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