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Reisebericht ISR/PAL – Andreas Paul

März 7, 2017 |

Ratlosigkeit trifft mutige Hoffnung

von Andreas Paul

Ein völkerrechtswidriges Gesetz

Es ist erst wenige Wochen her, dass in der Knesset, dem israelischen Parlament, ein weit reichendes Gesetz beschlossen wurde. Mit diesem dem Völkerrecht massiv widersprechenden „Regulationsgesetz“ werden rund 4.000 Siedlerwohnungen im Nachhinein legalisiert, obwohl sie auf privatem palästinensischem Grundbesitz errichtet wurden.

Auch nach israelischem Recht kann die Knesset nur für ihre Wähler_innen und diejenigen Gesetze erlassen, die unter ihrer Jurisdiktion leben. Palästinenser_innen im militärisch besetzten Westjordanland und Ostjerusalem haben kein Wahlrecht in der Knesset. Es sei denn, man annektiere das gesamte Gebiet, was defacto das Ende der „Zweistaatenlösung“ wäre und Juden und Jüdinnen im eigenen Staat zur ethnischen Minderheit machen würde.

Da ist es nicht erstaunlich, daß selbst unter israelischen Politiker_innen dieses Gesetz heftig umstritten ist. Bei einer Anrufung des israelischen Höchstgerichtes dürfte es vermutlich als verfassungswidrig aufgehoben werden. Nur, dieses anzurufen will die Opposition Premier Netanjahu nicht abnehmen. Netanjahu soll besonders seinem Koalitionspartner Avigdor Lieberman von der rechten Partei „Jüdisches Heim“ gegenüber Farbe bekennen. Diese nämlich möchte den Abriss illegaler Siedlungen und Außenposten auf jeden Fall verhindern.

Diese Vorgänge u.ä. bilden den Auftakt eines Jahres, in dem sich verschiedenste mit diesem Konflikt verbundene Jahrestage mit runder Zahl jähren! Diese Daten stehen für eine lange Reihe von Ereignissen, in denen Gewalt stets eine wichtige Rolle spielte. Gewalt zeigt sich in vielen Facetten, immer zerstörend, nie hilfreich und oft als Vorwand für andere Gewalt von der Gegenseite. Dabei dürfen wir nicht nur auf medienwirksam und himmelschreiend gewalttätige militärische oder terroristische Akte schauen, sondern auch auf die vielen strukturellen oder administrativen Akte der Gewalt einer Militärbesatzung, die tief in das zivile Leben eingreifen.

Olivebranch

Eine unterschwellige Idee verwirklicht sich

Ein weiterer Jahrestag möge hinzugefügt werden. In einem Brief vom 5.10.1937 schreibt der israelische Staatsgründer David Ben Gurion an seinen Sohn: „…Wir errichten jetzt erst einmal einen jüdischen Staat, auch wenn er sich nicht über das ganze Land erstreckt. Der Rest wird mit dem Lauf der Zeit kommen. Es muss kommen.“[1] Dieses Zitat kann einer von vielen möglichen Hinweisen sein, dass die Errichtung bzw. Befreiung von „Eretz Israel“ zumindest seit der Staatsgründung 1948 als historische Aufgabe und Ziel angesehen wurde. Viele Handlungen auf politischer Ebene und vor Ort („facts on the ground“) der letzten Jahre – von denen sich manche zu widersprechen scheinen – werden wohl erst im Licht dieser alten Idee eines jüdischen Staates vom Mittelmeer bis zum Jordan verstanden werden.

Auch wenn verschiedene politische Denker_innen vor diesem Hintergrund nach neuen Strategien und Konzepten unter Aufgabe der Zweistaatenlösung suchen, bleibt die offizielle palästinensische Führung nach wie vor bei dieser Idee, für die es auf der Landkarte keinen wirklichen Raum mehr zu geben scheint.

Olivebranch

 

Trotzdem: Gesichter der Hoffnung

Ein Gästehaus in Bethlehem

In diesem Kontext leben, arbeiten und engagieren sich Menschen in Palästina, die sich von der Politik keinerlei positive Veränderung mehr erwarten. Wen wundert dies? Solche Menschen zu treffen und durch die aktive Solidarität eines Besuches zu unterstützen war die Aufgabe einer Gruppe von Pax Christi Österreich und dem Internationalen Versöhnungsbund, österreichischer Zweig, die Ende Oktober 2016 das Land bereiste. Viele Reisegruppen besuchen in Bethlehem gerade noch die Geburtskirche und vielleicht einen der großen Souvenirshops für einen Nachmittag, überlassen aber den Großteil des Geldes israelischen Wirtschaftsbetrieben. Es gibt auch schon Pilgerreisen, die Bethlehem ganz auslassen. Genannte Gruppe blieb acht Nächte im „Caritas Betharram Center“, einem Gästehaus der Caritas Jerusalem in Bethlehem. Der Direktor von Caritas Jerusalem, ein Priester des Lateinischen Patriarchats, stärkt mit verschiedenen Initiativen – Ölmühle, Töpferei, etc. – schon lange die einheimische Wirtschaft. Nun bietet seine Organisation eine gastfreundliche Möglichkeit für Gruppen von Bethlehem aus die üblichen Pilgerorte im Umland, auch in Jerusalem, zu besuchen. Junge motivierte Mitarbeiter_innen nutzen diese Chance eines der wenigen Arbeitsplätze in Bethlehem.

Ein Zelt für die Völker

Etwas südlich von Bethlehem, auf einem Bergrücken, umgeben von mehreren jüdischen, illegalen Siedlungen, kultiviert eine palästinensische Familie ein landwirtschaftliches Grundstück. Daoud Nasser mit seinem Bruder, seiner Schwester und Mutter pflegen Ölbäume, Obstbäume und Weinreben und sie pflegen Gastfreundschaft für alle Menschen, die ihrem Leitspruch folgen: „Wir weigern uns Feinde zu sein!“. Dazu gehören auch Sommercamps für Kinder der Umgebung, die mit Spiel- und Bildungsangeboten eine wertvolle Möglichkeit der Freizeitgestaltung sind, in einem Umfeld, das sonst viel Frustration und latente Gewalt fördert. „Pflanzt Hoffnung für eine gerechte Zukunft!“, heißt es, wenn Gruppen aus dem Ausland kommen, um durch die schlichte Präsenz einen Schutz gegen Bedrohung durch Willkür israelischer Militäradministration oder Siedlergewalt zu bieten, oder tatkräftig bei den Aktivitäten in Landwirtschaft und Sommercamps mitzuhelfen. Unsere Aufgabe war die Pflege der jungen, im Vorjahr gepflanzten Olivenbäume.

Mediation auf arabisch

In einem schönen Garten direkt neben der massiven Mauer, die das Rahelgrab einschließt, treffen wir Zoughbi Zoughbi, einen visionären und Frieden fördernden Palästinenser. Er ist Begründer und Leiter des palästinensischen Zentrums für Konfliktlösung mit Namen „WI’AM“ – übersetzt Agape – Liebe. WI’AM ist Partner des Internationalen Versöhnungsbundes. Viel Engagement geht in die Arbeit der Transformierung erlebter Gewalt und der damit verbundenen Gefühle von Frustration und Aggression. Am Rande des Gartens wird uns eine Sammlung von leeren Tränengaskartuschen und Lärmgranaten gezeigt, die von den israelischen Soldaten des nahen Militärstützpunktes auf ihren Garten abgeschossen worden sind. Diese Zeugen erlebter Gewalt sollen zu Blumenvasen oder anderen kleinen Kunstwerken verwandelt werden. Hier wurde auch ein spezielles Mediationskonzept für die arabische Kultur entwickelt: „Sulha“ verbindet traditonelle arabische Methoden der Konfliktlösung mit modernen Techniken, die heute in internationalen Schulen für Konfliktlösung gelehrt werden. Zoughbi Zoughbi bietet dies für Konflikte in Familien und Großfamilien, aber genauso auch im nahen Flüchtlingslager und auf politischer Ebene im Rahmen seiner palästinensischen Gesellschaft an. Dieses Mediationssystem wäre sicher auch geeignet zur Arbeit mit den extremistischen jüdischen Siedler_innen, die das allen drei Religionen wichtige Grab der Erzmutter Rahel für sich alleine besetzt halten. Aber diese sind hinter der ca. 10 Meter hohen Betonmauer unsichtbar.

Eine Arche für das Leben

In der wunderschön renovierten Villa des ersten Architekten Palästinas am Hang unterhalb der Geburtskirche befindet sich heute ein Tageszentrum für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. „Ma’an Lil Hayat“ – „Gemeinsam für das Leben“ nennt sich diese Organisation der französischen Bewegung „L’Arche“. Im täglichen Morgenkreis wird erzählt was manchmal auch Schweres auf dem Herzen liegt, gesungen und die Arbeiten des Tages verteilt. „Soviel Wolle palästinensischer Schafe wird achtlos entsorgt!“, dachte sich die freudestrahlende Leiterin Mahera Nasser. Diese wird heute gesammelt, vorbereitet und zu vielfältigen Filzprodukten verarbeitet. Da gibt es Krippen, Friedenstauben und Taschen und auch Grußkarten mit Fotos der Produkte. Lachen und Fröhlichkeit hört man im ganzen Haus. Mittags treffen sich alle im Speiseraum zu einem einfachen Mahl, bei dem der Dank für all das Gute, das uns geschenkt ist, in fröhlichen Liedern zum Ausdruck kommt. Gäste sind bei Arbeit und Essen gerne willkommen und werden schnell eingebunden.

Palästinensische Dörfer wollen sich entwickeln

In den Hügeln südlich von Hebron gibt es eine Vielzahl palästinensischer Siedlungen und Dörfer. Viele sind in Bedrängnis durch extremistische jüdische Siedler_innen, die entlang des „Pfades der Patriarchen“ nach Spuren alter jüdischer Besiedlung suchen und illegale Siedlungen errichten, oder landwirtschaftlich extensiv genutztes Weideland in Nationalparks umwandeln wollen. So ergeht es auch At-Tuwani und Susiya. Beiden ist gemeinsam, dass sie mit Mitteln gewaltfreien Widerstandes um ihr Bleiben kämpfen. Die Menschen von Susiya wurden schon mehrfach umgesiedelt und konnten noch keine Genehmigung für die Entwicklung eines dauerhaften Neubaus ihres Dorfes bekommen. In At-Tuwani war man erfolgreicher und hat mit der Einreichung und Genehmigung eines Masterplanes endlich den Anschluss an das Strom- und Wassernetz erreichen können. Ein Masterplan der israelischen Behörden für ein Dorf, das laut Oslo-Protokoll schon längst gänzlich unter palästinensischer Verwaltung liegen sollte! Warum Gewaltfreiheit als Mittel des Kampfes um ein Bleiben? Weil dies das einzige Mittel ist, an dem alle Menschen jeden Alters und Geschlechts sich beteiligen können, und das, wie auch erlebt wurde, am erfolgversprechendsten ist, ist die Begründung von Hafez Hureini, dem Leiter des örtlichen Widerstandskomitees.

Hafez Hureini mit Pete Hämmerle

Wir reichen einander die Hände!

Ein paar jüdische und palästinensische Eltern aus Jerusalem wollten verhindern, dass ihre Kinder nach dem gemeinsamen Kindergarten in getrennte Schulen gehen müssen. So gründeten sie die erste „Hand in Hand School“, in der Kinder beider Nationen in gemeinsamen Klassen in beiden Sprachen unterrichtet werden. Nach dem normalen israelischen Lehrplan mit zwei Lehrer_innen pro Klasse werden werden dort über Sprachgrenzen hinweg nachhaltige Freundschaften für das Leben geschlossen. Zwei Sprachen wären noch das geringste Problem, das hier zu lösen ist! Was tut man an einem Feiertag, der für die einen Tag der Befreiung und Gründung des eigenen Staates und für die andern Tag der nationalen Katastrophe ist? In zwei getrennten Feiern wird der je eigenen Situation gedacht, bevor man sich in einer dritten gemeinsamen Feier Gedanken über die gemeinsame Zukunft macht. Und wenn dann nach gemeinsam bestandenem Schulabschluss die einen zum Militär müssen und eventuell sogar ehemaligen Mitschüler_innen oder deren Freund_innen im Einsatz begegnen könnten? Es braucht schon viel Mut in einem Land, in dem es keinen Zivildienst gibt, mit 17 Jahren zu sagen: „Ich werde verweigern, wie meine Schwester, die gerade deswegen im Gefängnis sitzt!“

Zwei jüdische Mädchen der „Hand in Hand School“ (hier in weiß) wollen ihren Wehrdienst verweigern, nachdem sie jahrelang mit palästinensischen Kindern in die Schule gegangen sind.

Hinter die feindliche Linie

Marta Reickova war eine jüdische Slowakin, die 1939 noch rechtzeitig nach Palästina emigrierte. Auf Bitte des britischen Militärs landete sie 1944 hinter den feindlichen Linien um in ihrem Heimatdorf den slowakischen Widerstand gegen die Nazidiktatur zu unterstützen. Militärisch erfolglos fiel sie der Waffen-SS in die Hände und wurde ermordet. Heute ist die älteste, bereits 1949 gegründete Institution der sozialistischen Kibbuzbewegung, die sich um jüdisch-arabische Verständigung bemüht, nach ihr benannt: Givat Haviva. In vielfältigen Bildungsprogrammen lernen junge Menschen Kultur, Probleme und die Situation der jeweils anderen Seite kennen. Lydia Aisenberg, eine jüdische Journalistin aus Wales, begleitet interessierte, ausländische Gruppen entlang der Green-Line zwischen den palästinensischen Gebieten und Galiläa. Wo der heutige massive Zaun von der Green-Line abweicht, erklärt sie deutlich die Green-Line zur Grenze „ihres Israel“. Selbstverständlich besucht sie mit den Gruppen ihre palästinensischen Freund_innen, die hinter dieser Linie in „Limbo-Land“ leben und weder zu Israel gehören noch von ihrer palästinensischen Administration hinter den Checkpoints unterstützt werden.

Palästinensisches Olivenöl für Österreich

In einem Nachbardorf von Jenin, in dem die drittälteste Kirche des Christentums an die Begegnung Jesu mit zehn Aussätzigen erinnert, arbeitet heute eine der modernsten Ölpressen des Landes. Canaan ist eine Firma, die gemeinsam mit der Palestinian Fair Trade Association Bauern und Bäuerinnen in ökologischer Kultivierung und Produktion landwirtschaftlicher Produkte unterstützt. Fragt in eurem Weltladen bewusst nach dem Olivenöl der Eine-Welt-Handel GmbH aus Leoben, dann bekommt ihr dieses garantiert reine und hochwertige Olivenöl. Und wer einmal die Gelegenheit bekommt, ein mandelhaltiges Eis von Ben&Jerry‘s zu genießen, hat gute Chancen, dass diese Mandeln aus Jenin stammen. Canaan vermarktet so viele Mandeln der Region, dass sogar palästinensische Bauern und Bäuerinnen von jenseits der Grenze aus Israel ihnen ihre Mandeln verkaufen, da sie es in Israel schwerer hätten, sie einem Großhändler verkaufen zu können.

Canaan und PFTA fördern ökologische Produktion und fairen Handel in Palästina.

Glaube an die Kraft der Zivilgesellschaft

Was verbindet diese Gruppen und Personen? Auf die Frage nach Politik heißt es entweder, dass darüber nicht gesprochen wird, oder dass sie sich von der Politik nichts erwarten. Wichtig ist ihnen, sich Mustern von Hass und Intoleranz zu widersetzen, Bereitschaft zum Dialog zu fördern, auf Fragen sozialer Gerechtigkeit aufmerksam zu machen und die Beziehungen zwischen jüdischen und palästinensischen Menschen zu verbessern. Und was von allen zum Abschied zu hören ist: „Danke, dass ihr gekommen seid! Gut, dass ihr da wart! Bitte kommt wieder und bringt Freunde und Freundinnen mit!“

 (März 2017)

 Zum Reisebericht von Pete Hämmerle HIER


[1]    www.transatlantikblog.de/2014/01/26/zitate-david-ben-gurion-zionismus-vertreibung-nakba-1948/: David Ben Gurion, 5. Okt. 1937, an seinen Sohn Amos Quelle: Avi Shlaim, The Iron Wall, London, 2000,  S. 21, (#)