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Im Schatten der Olivenbäume
Erfahrungen von der Olivenernte in Palästina 2007
Am Dienstag, den 16. Oktober 2007, kurz nach 7 Uhr morgens stand ich vor meinem ersten Olivenbaum, den ich in Gemeinschaft mit PalästinenserInnen und Hannes abernten sollte. Ich hatte das noch nie vorher gemacht, aber ein kurzer Blick zu unseren GastgeberInnen und ich hatte es schnell gelernt. Unter dem Baum liegen Tücher, die Oliven werden gepflückt, vom Ast gestrichen oder heruntergeschlagen. Manchmal muss man raufklettern, um auch die letzten Oliven zu erwischen. Heuer ist ein schlechtes Erntejahr und jede Frucht zählt. Es könnte ein idyllischer Ernteeinsatz werden, aber ein Blick in die Gegend macht die Probleme in diesem Land deutlich.
Unsere Einsatzorte sind Az Zawiya und Iskaka im Bezirk Salfit zwischen Ramallah und Nablus. Mitten im Gemeindegebiet liegt die größte jüdische Siedlung Ariel (mit über 30.000 EinwohnerInnen) und einige kleinere. Ariel wird immer größer und die palästinensischen Dörfer stören die Expansionsbestrebung. Außerdem wird hier der Mauerbau erweitert, und um Widerstand zu verhindern werden die BewohnerInnen eingeschüchtert. Olivenbäume werden ausgerissen (ohne die EigentümerInnen vorher zu informieren oder Entschädigungen zu zahlen) und müssen Siedlerstraßen (für PalästinenserInnen verboten) oder Kinderspielplätzen weichen. Rund um die jüdischen Siedlungen werden Sicherheitszonen eingerichtet und durch Zäune abgesperrt. Für die Olivenernte bekommen die PalästinenserInnen Sondergenehmigungen, die Tore werden geöffnet. In den letzten Jahren wurden sie trotzdem oft vertrieben oder die Eingänge waren verschlossen. Während des Jahres ist der Zutritt verboten, so können die Bäume und der Boden nicht gepflegt werden. Durch die Präsenz internationaler Gruppen soll den Bauern und Bäuerinnen ermöglicht werden, ihre Olivenbäume abzuernten. In der Region Salfit werden die Einsätze durch das International Women’s Peace Service (IWPS) organisiert. Zwei englische Gruppen und unsere deutschsprachige sind unterwegs. Heuer gibt es relativ wenige Übergriffe, die Ernteeinsätze verlaufen ruhig. Auch unsere kleine Gruppe hatte persönlich keine schwierigen Situationen zu meistern, doch zeigen Ereignisse während unseres Aufenthalts, dass sich die Situation noch nicht entspannt hat.
Am Samstag, 20. Oktober, helfen wir in Tel, nahe Nablus, bei der Olivenernte aus. Dieses Gebiet wird normalerweise von der Gruppe „Rabbis für Menschenrechte“ betreut, da es hier häufig zu Übergriffen von jüdischen SiedlerInnen kommt. Am Sabbat arbeiten jedoch die Rabbis nicht, daher wird unsere Gruppe gebeten die Ernte zu unterstützen. Als wir am Abend nach Az Zawiya zurückkommen, herrscht große Aufregung. Am Vormittag waren israelische Soldaten hier und haben die Familien gehindert entlang der Siedlerstraße zu ernten. Kinder haben angeblich Steine auf die Straße geworfen. Da Sabbat war, waren nur einige Autos auf der Straße unterwegs, und die beschuldigten Kinder waren kaum 3 Jahre alt. Die Bauern und Bäuerinnen mussten ihr Land verlassen, gingen aber am Nachmittag zurück um zu ernten. Am nächsten Tag sind wir zu diesen Olivenfeldern gegangen. Die Menschen haben wieder gearbeitet und uns die Ereignisse erzählt. Es wird vermutet, dass wegen des geplanten Mauerbaus die Schikanen durch das Militär zunehmen.
Besonders muss darunter die kleine Ortschaft Marda leiden. Sie liegt nahe an Ariel. Während unseres Aufenthaltes wurde das Dorf zweimal vom Militär besetzt, durch Ausgangssperren und Abriegelung des Ortes (niemand darf hinaus oder herein) werden die BewohnerInnen eingeschüchtert.
Wem gehört das Land?
Dies ist eine zentrale Frage des Konfliktes zwischen Israelis und PalästinenserInnen. Vor fast 2000 Jahren wurde der Großteil des jüdischen Volkes von den Römern vertrieben. Nach den entsetzlichen Erfahrungen des Holocaust ist der Wunsch nach einem eigenen Land durchaus verständlich. Doch die palästinensischen EinwohnerInnen wurden vertrieben und wollen ihr Land zurück. Die Lösung auf politischer Ebene scheint noch nicht möglich zu sein. Auf unserer Reise lernten wir aber viele Initiativen kennen, die für Gerechtigkeit und Frieden in Israel und Palästina arbeiten.
BeduinInnen im Negev
Wir nutzten unsere Reise um Amos Gvirtz, einen israelischen Pazifisten und langjähriges Mitglied beim Versöhnungsbund, zu besuchen. Er begleitete uns einen Tag lang in den Negev um uns die Situation der BeduinInnen und das Engagement einiger israelischer Friedensgruppen (wie z.B. das Israeli Committee against House Demolitions/ICAHD, Regional Council for the Unrecognised Villages/RCUV) zu zeigen.
Nach dem Krieg von 1948 wurden die BeduinInnen von ihrem Land im Negev (12.800km²) vertrieben und auf ein kleines Gebiet von ca. 1500km² konzentriert. Um 1960 wurde eine neue Politik vorangetrieben, die versucht diese Menschen in sieben von Israelis erbauten Städten anzusiedeln. Das Beduinenland soll nach israelischen Plänen landwirtschaftlich genützt werden. Die Wüste soll blühen. Aber es gibt dort Dörfer, die schon seit vielen Generationen bestehen und die Menschen haben auch zum Teil Besitzerurkunden aus der Zeit der britischen Besatzung. Diese Tatsache wird ignoriert und die Dörfer werden als illegal erklärt. Jeder Beduine, der auf seinem Land ein Haus baut, ist in den Augen der israelischen Regierung ein Gesetzesbrecher. Schon gebaute Häuser oder die Wohnzelte werden demoliert. BeduinInnen leben von ihren Tieren (Ziegen, Schafe, Kamele) und Getreideanbau. Die meisten haben ein Winter- und ein Sommerquartier. In den Dörfern wurden Schulen und kleine Krankenstationen gebaut. Der Versuch diese auch mit Wasser und Strom zu versorgen, ist auch Dank der israelischen Friedensgruppen gelungen. Aber man weiß nie, wie lange sie stehen, denn dies alles ist illegal und kann jederzeit von der israelischen Armee und Polizei zerstört werden. Wir haben mit Amos ein BeduinInnenlager besucht, das einige Tage zuvor zerstört worden war. Aus einem Fond wurden neue Zelte gekauft und aufgebaut, die Menschen mit dem Notwendigsten versorgt. Eine Möglichkeit des aktiven, gewaltfreien Widerstandes. Aber für wie lange? Als wir schon daheim waren, erreichte uns die Nachricht, dass neuerlich mehrere Häuser eines Dorfes zerstört worden sind.
Im Dorf El-Sira treffen wir Khalil. Er ist Lehrer, spricht Arabisch, Hebräisch und Englisch und erzählt uns: „Dank unserer Freunde geht es uns besser als vielen anderen Dörfern. Wir haben Wasser, Strom von einem Generator und eine Straße. Ist zwar alles verboten, aber bis jetzt haben die Israelis darüber hinweggeschaut. Die Beziehung zum Militärkommandanten ist gut, er sagt sie brauchen das Land nicht. Die Menschen leben seit mehr als 100 Jahren hier und ich habe auch eine Besitzurkunde. Vor ein paar Monaten kamen 100 Polizisten in unser Dorf und klebten an jede Tür einen Abbruchbescheid. Eine schwangere Frau war so geschockt, dass sie ihr Baby verlor. Dank einer Anwältin und einer uns gut gesinnten Richterin konnten wir einen Aufschub bis September 2008 erreichen. Aber was dann?“
Wichtigste Aufgabe der Friedensgruppen ist es Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit zu machen: Kontakte zu Mitgliedern der Regierung und der Knesset herstellen, Postkartenaktionen, Häuser wieder aufbauen, Kindergärten und Schulen bauen… Dies und noch mehr wird von den FriedensaktivistInnen initiiert, damit die nicht anerkannten Dörfer wahrgenommen werden und die Menschen, die hier leben.
Friedensarbeit in Bethlehem
Das tägliche Leben in Bethlehem ist geprägt von der Mauer und den jüdischen Siedlungen rund um die Stadt. Die EinwohnerInnen haben einen Aktionsradius von 7km, dann stoßen sie an einen der Checkpoints. Wer keine Sondergenehmigung hat, darf den Ort nicht verlassen. Sehr wenige haben eine Dauergenehmigung um außerhalb zu arbeiten. Sie müssen aber täglich Wartezeiten und scharfe Kontrollen beim Checkpoint ertragen. Während unseres Aufenthaltes bekam Usama nach 10 Jahren zum ersten Mal die Erlaubnis auszureisen, für einen Tag nach Jerusalem. Er hatte Glück, anlässlich des Patroziniums von Franz von Assisi hat die Kirche für eine kleine Gruppe von ChristInnen diese Berechtigungsscheine bekommen. Wer in Bethlehem lebt, fühlt sich wie in einem Gefängnis, wird uns immer wieder gesagt. Wir trafen aber auch Israelis, die niemals nach Bethlehem fahren, weil es für Juden und Jüdinnen zu gefährlich sei. Angst auf beiden Seiten.
In dieser Situation arbeiten zwei Gruppen für aktive Gewaltfreiheit, die wir kennen lernen durften. Wi´am - übersetzt „Herzliche Beziehung“ - wurde vor ein paar Jahren von Zoughbi Zoughbi gegründet und hat inzwischen einen MitarbeiterInnenstab von acht Angestellten sowie einer internationalen Friedensaktivistin aus Kanada. Die Organisation, die auch einer der drei palästinensischen Mitglieder von IFOR ist, besteht v.a. aus ChristInnen, die den Menschen in ihrer schwierigen Alltagssituation versuchen beizustehen. Workshops für SchülerInnen und LehrerInnen zu gewaltfreier Kommunikation werden veranstaltet, Kinder- und Jugendgruppen betreut, Veranstaltungen zu aktiver Gewaltfreiheit organisiert. Wichtig ist auch die internationale Kontaktpflege und Begegnung, damit die Menschen in Bethlehem Solidarität spüren. Inzwischen gibt es eine Gruppe von Familien, die gerne BesucherInnen aufnehmen würden. Wer also vor hat nach Palästina zu reisen, kann sich gerne an diese Organisation wenden.
Viele arabische ChristInnen sind aus Bethlehem weggezogen und leben im Ausland, andererseits sind seit 1948 viele muslimische Flüchtlinge hierher gezogen. Mit ihnen arbeiten Noah Salameh und sein Team im Center for Conflict Resolution and Reconciliation (CCRR), ebenfalls vorwiegend auf kommunaler Ebene, z.B. in Zusammenarbeit mit dem palästinensischen Erziehungsministerium in öffentlichen Schulen. Ein weiterer wichtiger Aspekt im CCRR ist der interreligiöse Dialog und die Stärkung eines muslimischen Verständnisses von und Zugangs zu Frieden und aktiver Gewaltfreiheit. Unterstützt von einer deutschen Fachkraft des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) und auch mit österreichischen Entwicklungshilfemitteln wurde zu diesem Zweck u.a. von Scheikh Mohammed Khalil Saleh Khanneh und von Noah Salamehdas Buch „Islam and Peace“ auf Arabisch und Englisch herausgegeben.
Bei unserer Reise durch Israel und Palästina trafen wir viele weitere internationale FriedensarbeiterInnen. In keinem anderen Land der Welt sind sie so konzentriert wie hier. Die Aufgaben von Organisationen wie dem International Solidarity Movement oder IWPS, dem Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI), von „Operazione Colomba“ oder dem Christian Peacemaker Team, ist es an kritischen Orten (Checkpoints, Schulwege...) präsent zu sein, Menschenrechtsverletzungen und gewaltsame Vorfälle zu dokumentieren, die Situation in der Weltöffentlichkeit bekannt zu machen und auf die Politik der USA und der EU einzuwirken, sowie lokale gewaltfreie Friedensarbeit zu ermutigen und zu stärken. In Städten wie Hebron oder in der Wüste wie in At Tuwani (wo wir eingeladen waren ein Kurzseminar über gewaltfreien Widerstand und seine Grundlagen mit rund 80 PalästinenserInnen zu halten) sind sie unterwegs. Sie sind ein Zeichen der Hoffnung für viele und schauen nicht weg, wenn Menschen unter Gewalt leiden müssen.
Was sich die Leute von der Konferenz in Annapolis erwarten? Menschen, die wir danach fragen, zucken mit den Schultern, man weiß nicht so genau, nicht sehr viel, aber die Hoffnung darf man nie aufgeben. Was einige PalästinenserInnen vom aktiven, gewaltfreien Widerstand halten? Dazu erzählt uns Hafez aus At Tuwani: „Dieser Weg ist der einzig mögliche, den wir gehen können. Wenn wir gewalttätig sind, geben wir den Israelis einen Grund gegen uns mit Gewalt vorzugehen. Wenn wir jedoch mit gewaltfreien Mitteln kämpfen, bewahren wir unsere Würde und erreichen unsere Ziele: als freie Menschen im eigenen Land menschenwürdig zu leben.“
Die Fotos von der Olivenernte können vergrößert als Slideshow angesehen werden. Nach dem Anklicken des ersten Fotos kann mit dem Pfeilsymbol, das in der rechten oberen Ecke erscheint, das nächste Bild abgerufen werden.

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