Grundlagenpapier 2016

Aktive Gewaltfreiheit
als Perspektive im Nahostkonflikt

Grundlagenpapier des Int. Versöhnungsbundes, Österr. Zweig

(beschlossen bei der Vorstandssitzung am 11. Juni 2016)

Ziele dieses Papiers

Als Teil der internationalen Freidensbewegung arbeitet der österreichische Versöhnungsbund aktiv gewaltfrei für einen gerechten und nachhaltigen Frieden. Das schließt auch unser Engagement im Nahen und Mittleren Osten mit ein, wo es seit den 1970er Jahren Kontakte und Zusammenarbeit mit palästinensischen und israelischen gewaltfreien Personen und Initiativen gibt, die anlässlich einer von Hildegard Goss-Mayr, der Ehrenpräsidentin des Versöhnungsbundes, im Jahr 2002 organisierten solidarischen Pilgerreise intensiviert wurden und seitdem einen Schwerpunkt der Arbeit des österreichischen Versöhnungsbundes bilden.

 

Um dieses Engagement auf eine gemeinsame, gewaltfreie Grundlage für die Arbeit im Nahen/Mittleren Osten, speziell zum israelisch-palästinensischen Konflikt, zu stellen, wurde dieses Papier erarbeitet, u.a. in der Vorbereitung zweier Vernetzungstreffen von Organisationen, die im Konflikt aktiv sind (2009 und 2013), sowie in einer Gesprächsrunde im Mai 2015.

Es dient einerseits zur “Außendarstellung”, also zum Weitergeben an andere Organisationen, damit diese unsere Grundlagen kennen, an denen wir uns in der Zusammenarbeit bzw. der Unterstützung von Aktivitäten orientieren. Andererseits bildet das Papier die Basis für eine “Selbstvergewisserung” nach innen, die wir selbst als Richtschnur für unsere Aktivitäten, Analysen und Stellungnahmen beachten möchten. Konkrete politische Themen, Forderungen usw. sollen von Fall zu Fall auf der Grundlage dieses Memorandums diskutiert und entschieden werden.

 

Auf Grundlage der aktiven Gewaltfreiheit….

Im Sinne aktiver Gewaltfreiheit sind für den Versöhnungsbund folgende Merkmale wichtig:

  • Aktive Gewaltfreiheit beinhaltet die Achtung der Würde jedes Menschen und vertraut auf die in ihr gründende, Gewalt überwindende Kraft der Veränderung zu mehr Frieden und Gerechtigkeit.
  • Gewalt in ihren vielfältigen Formen (als personale, strukturelle und kulturelle Gewalt) wird wahr- und ernstgenommen, was auch die Übernahme von Verantwortung für begangene Gewalt umfasst. Ausgangspunkt gewaltfreien Handelns ist das Leid der von Gewalt Betroffenen.
  • Gewaltfreier Widerstand gegen Gewalt, Unrecht, Unterdrückung und Verletzung von Menschenwürde und Menschenrechten ist die eine Seite gewaltfreien Handelns.
  • Die andere Seite ist der Dialog mit dem Gegenüber, die Suche nach Verständigung, die Empathie für die/den Andere/n, das Eingestehen eigener Mitschuld und der Einsatz für gemeinsame Lösungen.
  • Die Lösung des Konflikts kann nicht von außen, an Stelle der Betroffenen, erfolgen. Aktive Solidarität mit ihnen und von ihnen erwünschte Formen der Unterstützung und Stärkung ihrer gewaltfreien Initiativen und Ansätze sind jedoch notwendig. Letzlich geht es darum, sowohl Unterdrückte wie Unterdrückende, Opfer wie Täter_innen zu befreien, weil beide unter Gewalt leiden und so ihr Menschsein nicht verwirklichen können.

 

Bezogen auf den israelisch-palästinensischen Konflikt bedeutet das für uns:

  • Kein Platz für Feindbilder und Stereotype, für antisemitische, antiislamische, rassistische und andere Formen menschenverachtender Ideologien.
  • Insbesondere ist die Aufarbeitung und Reflexion von Antisemitismus, NS-Vergangenheit und Mitschuld am Holocaust in Österreich nicht in der notwendigen Breite und Tiefe erfolgt und bedarf unserer ständigen Aufmerksamkeit und entsprechender Aktivitäten.
  • Andererseits wollen wir unser Handeln nicht primär national-staatlich definieren (lassen), sondern aus der Verbundenheit und Solidarität mit allen, die für einen gerechten Frieden im Nahen und Mittleren Osten mit gewaltfreien Methoden eintreten.
  • Kein Wegschauen gegenüber bestehenden Formen von Gewalt auf allen Seiten, auf persönlicher (direkte Gewalt, Tötung von Menschen, Folter…), struktureller (Besatzung, systematische Unterdrückung bzw. Benachteiligung…) und kultureller Ebene (religiöse, nationale und andere ideologische Begründungen für Gewalt), sondern Wahrnehmung des Leids aller und Verurteilung aller Formen von Gewalt ohne gegenseitige Aufrechnung. Gewalt ist keine und führt zu keiner Lösung!
  • Eine Analyse von Gewalt und Unrecht aus der Kraft der Wahrheit und auf der Basis menschen- und völkerrechtlicher Prinzipien sowie bestehender Friedensverträge bildet die Grundlage für gewaltfreien Widerstand auf allen Seiten.
  • Gleichzeitig ist das Ziel des gewaltfreien Widerstandes nicht der Sieg der einen über die andere Seite, sondern gemeinsame Sicherheit und friedliches Zusammenleben unter Anerkennung der Existenz beider/aller Konfliktbeteiligten im Lande und der Bedürfnisse und Ängste aller Beteiligten.
  • Auch wir als nicht unmittelbar am Konflikt Beteiligte müssen uns unserer Anteile am Konflikt, in Vergangenheit (Schuld am Holocaust, Kolonialismus…) und Gegenwart (Waffenlieferungen, politische Bevorzugung der einen oder anderen Seite…), bewusst sein, sowie unser Schweigen und unsere Passivität gegenüber Gewalt und Ungerechtigkeit überwinden und gewaltfreie Ansätze und Initiativen auf allen Seiten und auf verschiedenen Ebenen fördern.